Wenn Veränderung Angst macht: Trennungssituationen verstehen

Marie weinte am Schultor – jeden Morgen aufs Neue

Marie weinte jeden Morgen am Schultor.

Es ist einige Jahre her. Eine Mutter kam auf Empfehlung zu mir. Ihre Tochter Marie, Erstklässlerin, konnte sich morgens kaum von ihr trennen. Jeden Tag dasselbe Bild: Tränen, klammern, losreißen, wieder festhalten. Für beide war es anstrengend: körperlich und emotional.

Marie wollte das alles gar nicht. Vor ihren Mitschülerinnen fühlte sie sich unwohl mit diesem Abschiedstheater. Und die Mutter stand jeden Morgen vor dem Dilemma: das eigene Kind weinend zurücklassen oder zu spät zur Arbeit kommen.

Ich fragte, ob es in der Kita damals ähnlich war. Beide nickten. Marie sagte dann leise:
„Ich möchte doch auch so fröhlich sein wie die anderen.“

Was der Muskeltest sichtbar machte

Die kinesiologische Sitzung konnte beginnen. Mit Hilfe des Muskeltests zeigte sich schnell, was das System stresste und was es gebraucht hätte.

Wir landeten bei einem ganz frühen Erlebnis: der Zeit direkt nach der Geburt.

Die Mutter sah mich erstaunt an und erinnerte sich. Marie wurde ihr damals sofort nach der Geburt weggenommen. Die Werte stimmten nicht. Für Bonding war keine Zeit. Kein erster Blick. Kein erstes Kuscheln. Kein Innehalten.

Das hat niemand absichtlich versäumt. Es war eine Ausnahmesituation. Aber sie hatte Folgen: unbewusst und tief abgespeichert.

Ein Moment der Nähe: viele Jahre später

Nachdem der Stress mit Unterstützung des Muskeltests integriert worden war, geschah etwas ganz Besonderes:

Marie hüpfte von meiner Liege, kletterte auf den Schoß ihrer Mutter und schlief augenblicklich ein.

Ich ließ beide allein. Sie hatten diesen Moment gebraucht. Vielleicht sogar all die Jahre vermisst.

20 Minuten später wachte Marie auf und wollte gehen.

Einige Tage später rief mich die Mutter an. Sie sagte, dass Marie ihr nun morgens am Schultor zuwinkt, richtig fröhlich, und dann einfach allein zum Aufstellplatz geht.

Die Geburt – der erste große Übergang

Die Geburt ist die erste große Veränderung im Leben eines Menschen. Sie führt vom geschützten Leben im Mutterleib hinaus in eine Welt, die laut ist, hell, ungefiltert.

Wenn in dieser Zeit etwas nicht „rund“ läuft, etwa durch eine Trennung direkt nach der Geburt, Komplikationen oder Überforderung, kann das das Bindungserleben beeinflussen.

Diese Erfahrungen bleiben im Körpersystem gespeichert, nicht als bewusste Erinnerung, sondern als Gefühl.

Und dieses Gefühl kann sich später melden. In Übergängen. In Trennungen. Im Moment des Loslassens.

Was das für Eltern bedeuten kann

Manchmal fällt es Eltern schwer, ihr Kind loszulassen und sie wissen nicht genau, warum. Sie sind übervorsichtig, haben Sorge, dass „etwas passiert“. Oder sie sind innerlich so angespannt, dass der Abschied jedes Mal aufs Neue Kräfte raubt.

Vielleicht, weil in ihrer eigenen Geschichte etwas steckt. Vielleicht, weil sie unbewusst wahrnehmen: Mein Kind braucht gerade mehr Halt, mehr Orientierung, mehr Sicherheit.

Das alles ist kein Versagen. Es ist ein Hinweis.

Was das für Kinder bedeuten kann

Ein Kind, das Übergänge als bedrohlich erlebt, ist nicht „anstrengend“. Es ist sensibel. Und vielleicht sehr wach für das, was zwischen den Zeilen mitschwingt.

Es kann sein, dass es:

  • sich nur schwer von den Eltern löst
  • Übergänge stark vermeidet
  • Aufgaben nicht zu Ende bringt, weil ihm in der Geburt „etwas abgenommen“ wurde
  • alles besonders schnell macht, weil auch die Geburt zu schnell verlief

Das sind keine Diagnosen. Es sind Hinweise.

Mein Ziel: Bewusstsein schaffen

Wenn ich um solche Zusammenhänge weiß, kann ich als Mutter oder Vater, als Erzieherin oder Lehrer verständnisvoller mit der Situation umgehen:

  • Ich zweifle nicht an mir
  • Ich halte im Hinterkopf, dass es einen früheren Auslöser geben kann
  • Ich erkenne, dass Sicherheit fehlt und kann überlegen, wie ich sie geben kann
  • Ich weiß, dass man über Körperarbeit und sanfte Methoden wie den Muskeltest emotionale Blockaden erkennen und lösen kann

Denn je weniger innerer Stress da ist, desto mehr Raum entsteht: für Beziehung, für Entwicklung, für neue Erfahrungen.

Wenn Sie mehr dazu lesen möchten

Vielleicht haben Sie beim Lesen ein Kind vor Augen gehabt. Vielleicht auch sich selbst.

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